Du weißt nie, was du nicht weißt

06 Jun, 2021 | Artikel, Fortgeschritten, Psychologie

Ein Satz, der sich erst einmal recht logisch und simpel anhört. „Klar weiß ich nicht, was ich nicht weiß; was ist das große Problem?“ Das Problem ist die eigene fehlende Differenzierung, die einen diesen sehr fundamentalen und wichtigen Grundsatz nicht oder nur falsch verstehen lässt.

Wenn es also um Dinge geht, die wir (glauben zu) wissen oder nicht, dann müssen wir stets in drei Kategorien unterteilen.

  • Dinge, die wir wissen
  • Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie nicht wissen
  • Dinge, von denen wir gar nicht erst wissen, dass wir sie nicht wissen

Und genau die dritte und letzte Kategorie ist es, bei der es sehr gefährlich wird. Auch die erste kann uns manchmal gewisse Schwierigkeiten im Leben bereiten, die zweite ist sehr zahm, doch die dritte ist es, die primär dafür verantwortlich ist, in uns Ignoranz und Kurzsichtigkeit größter Ausmaße zu erzeugen – und davon ist keiner von uns verschont. Eine umso bessere Idee also, sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen.

Wissen

Wenn wir ganz von vorn anfangen und uns mit Dingen befassen, die wir wissen, wäre ein einfaches Beispiel evtl. wieviel Grad es gerade bei einem warm ist, oder wieviel Geld man noch im Portemonnaie hat.

Simple faktische Feststellungen, die begründet sind durch ihr unerschütterliches Wesen unserer temporären und relativen Realitätswahrnehmung. Anders gesagt: Wir können sie wissen, da sie für uns sind – relativ betrachtet.

Genau diese Relativität jedoch ist es, die uns oftmals Probleme bereitet, da wir sie mit einer Absolutät gleichsetzen, ohne zu wissen, dass wir dies tun. Ohne also viel weiter in diese Thematik einzusteigen, so wäre es immerzu von Vorteil für uns, uns zu fragen, wenn wir glauben, etwas zu wissen, ob wir es auf relative oder absolute, unfehlbare Weise wissen – worauf die Antwort in 99,99% der Fälle immer „relativ“ sein wird.

Moral der Geschichte also: Selbst das, was wir glauben fest zu wissen, sollten wir nie zu ernst nehmen.

Nicht Wissen

Gehen wir weiter und kommen zu den Sachen, von denen wir wissen, dass wir sie nicht wissen, so ist diese Kategorie sehr einfach abgearbeitet. Beispielhaft können wir also sagen, dass wir wohl wissen, dass demnächst wieder neue Lottozahlen gezogen werden, aber dennoch können wir klar sagen, nicht zu wissen, was diese Zahlen sein werden.

Ebenso wissen wir vielleicht, dass es den wissenschaftlichen Bereich der Molekularbiologie gibt, wissen aber ebenso, dass wir nicht sonderlich viel oder überhaupt etwas über diesen Bereich und seine Feinheiten wissen. Klare Sache.

Das interessante an diesem Bereich ist jedoch, dass Leute, die sich linguistisch viel in ihm bewegen – also öfter zugeben können, Dinge nicht zu wissen, als zu behaupten, sie fest und klar zu wissen – deutlich aufgeschlossener sind als eben jene, die mehr in der ersten Kategorie unterwegs sind, was auf die allergrößte Mehrheit der Menschen zutreffen würde.

Die drei Kategorien haben also in der Tat direkte Verankerungen und Korrelationen in und zu unserer allgemeinen Persönlichkeitsstruktur und Realitätswahrnehmung. Eine Person tendiert folglich stetig, weniger fest und starr von ihrer allgemeinen Persönlichkeit zu werden, je weiter sie sich im Spektrum der drei Kategorien in Richtung der dritten bewegt. Sie ist neugieriger, relativistischer, weiser, vergebender und schlichtweg auch einfach klüger. Was meinst du also, wo du dich einordnen und wiederfinden würdest?

Nicht wissen, nicht zu wissen

Schauen wir mal, nachdem wir ausführlich die dritte Kategorie besprochen haben. Die, um die es hier auch wirklich geht und mit der wir uns auch alle am ernsten persönlich befassen sollten.
Wie also bereits zu Beginn angesprochen, ist die dritte Kategorie – wenn vernachlässigt und missachtet – die, welche uns die allergrößten Probleme im Leben beschert in Form von Ignoranz, Engstirnigkeit und Kurzsichtigkeit.

Um sie vernünftig zu verstehen, ist es erforderlich, ein wenig um die Ecke denken zu können. Essenziell greift die dritte Kategorie die stetig vorliegende Relativität aller Dinge weiter auf und vertieft sie noch einmal stärker.

Man könnte auch meinen, dass sie gleichgesetzt ist zu den Fragen „Was könnte ich hier noch übersehen?“, „Gibt es bestimmte Vorurteile oder vorgefertigte Meinungen, mit denen ich an die Sache herangehe?“, oder „Wie würde das Ganze wirklich aus der Perspektive des/eines Anderen aussehen?“.

Leute, die sich nicht mit der dritten Kategorie befassen, laufen wiederholt in das Problem, dass sie die Welt und auch die Menschen in ihr nur mit den Mitteln und Werkzeugen angehen, behandeln und verstehen können, die sie bereits seit Ewigkeiten haben. Und bekanntlich stumpfen Werkzeuge, die schon lange benutzt werden immer mehr ab, sodass sie irgendwann nur ein gewisses Minimum an Benutzbarkeit zulassen.

Zudem ist es sehr, sehr häufig so, dass jemand, der sich eben nicht fragt, was es geben könnte, von dem er gar nicht mal weiß, worüber er nicht weiß, glaubt, dass er leider bereits alles weiß, was es zu wissen gibt – wodurch es eben recht gefährlich werden kann. Denn gerade eine solche Person verfällt umso leichter der Verführung, rein Relatives als Absolutes anzusehen, was enorme tote Winkel in der eigenen Weltansicht erzeugt.

Die mentale Fähigkeit, überhaupt mehr Optionen, Möglichkeiten, Perspektiven und Blickwinkel zuzulassen und auch einzunehmen, ist einer solchen Person vollends verschlossen. Sie wird ihrer eigenen mentalen Faulheit als Todessünde zum Opfer – und zieht obendrein auch andere Unschuldige mit in die Scheiße, was oftmals noch viel schlimmer ist.

Neben vielen anderen Nachteilen, ist dies der Kern des Problems, sich nicht um das zu kümmern, von dem man nicht mal weiß, dass man es nicht weiß. Letztendlich muss natürlich gesagt werden, dass niemals jemand wirklich alles wissen kann und so diesem Problem entgehen könnte.

Allerdings lässt sich durchaus sagen, dass ein jeder es stets als seine Pflicht ansehen sollte, den Anteil von allem Essenziellen und universell Wichtigem weitestgehend so gering wie möglich zu halten, von dem er nicht weiß, dass er es nicht weiß.

Denn nur so erzielen wir persönlichen und kollektiven Fortschritt, um was auch immer es genau gehen sollte. Ein wahrer Win-Win-Effekt durch und durch!

Das könnte dir ebenfalls gefallen

Dein Leben ist nur ein Gefühl

Dein Leben ist nur ein Gefühl

Du bist ein Roboter? Nein? Gut. Dann ist die Sache klar. Dein Leben ist nur ein Gefühl – und nichts als ein Gefühl. Roboter interessiert es nicht, was passiert oder auch nicht passiert – Menschen...

Was Parfums und Bücher gemeinsam haben

Was Parfums und Bücher gemeinsam haben

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich damit angefangen, mich stärker für Parfum zu interessieren. Und mit den vergehenden Wochen und zahlreichen Tests sind mir nach und nach verblüffenderweise eine...

Warum du dumm bleiben willst – Teil 2

Warum du dumm bleiben willst – Teil 2

Oder auch: "Warum du nur verstehst, was du willst". Wie wir es im ersten Teil von "Warum du dumm bleiben willst" besprochen haben, ist der Hauptgrund dafür, dass du aktiv dumm bleiben willst, der,...

Entedecke mehr