Man through puzzle wall | Jack R. Hayes

Konstruktion vs. Dekonstruktion

08 Jun, 2021 | Artikel, Psychologie

Eine Dualität, die im Bereich des Self-Help von essenzieller Bedeutung ist und grundlegend darüber entscheidet, was für ein Buch, Video oder Produkt man wirklich gerade vor sich hat.

Um also einen klareren Überblick zu erhalten und Fehlkäufe oder falsch investierte Zeit zu umgehen, sollte man den klaren Unterschied zwischen den beiden kennen.

Keins der beiden ist inhärent besser oder schlechter, jedoch gibt es eine klare Kategorie, die uns in den allermeisten Fällen langzeitlicher besser und weiter voranbringt.

Konstruktion

Also, wovon sprechen wir hier überhaupt genau? Wenn wir von Konstruktion im Kontext des Self-Help Genres sprechen, dann ist damit im Gegensatz zur Dekonstruktion alles gemeint, das entweder etwas Bestehendes weiter ausbaut oder etwas erstellt, das bisher noch nicht da war. Konstruktion geht weitaus einfacher von der Hand als Dekonstruktion und ist auch essentiell das, was man stereotypisch unter klassischem Self-Help versteht.

Die Kategorie der Konstruktion umfasst alles wie typische Ratgeber, Strategien, Denkkonzepte oder Denkmodelle, die dann in ihrer jeweiligen medialen Form erweitert dargestellt werden.

Im Regelfall ist die Konstruktion des Self-Help sehr angenehm und leicht verträglich. Zudem macht sie auch einen beträchtlich größeren Anteil aller Werke im Self-Help Bereich aus. Sie ist wie das große, leuchtende und glitzernde Aushängeschild, das den noch neuen und unerfahrenen Zuschauer oder Leser heranführen soll an das neue Feld seines Interesses.

Ein anderer Vergleich wäre der der Self-Help Konstruktion mit einem Fast-Food Restaurant. Verhältnismäßig schnell zubereitet mit vorgefertigten Zutaten, verstärkt mit künstlichen Geschmacksanregern, und das finale Gericht macht letztendlich auch kaum satt. Man will immer mehr und mehr und verfällt sehr leicht dem Gefühl, das man ja so viel noch gar nicht hatte und dass es immer wieder etwas neues attraktives gibt, das man mal ausprobieren kann und sich zuführen kann – bis man dann letzten Endes viel zu spät realisiert, wie fett man eigentlich geworden ist.

Denn genau das ist das Kernproblem der Konstruktion im Self-Help Genre. Sie macht es dem Zuschauer und Leser äußerst leicht immer mehr und mehr „Wissen“ und Konzepte anzuhäufen, ohne dieses je wirklich sonderlich umzusetzen oder überhaupt umsetzen zu müssen.

Die Konstruktion als Konsumindustrie baut in vielen Fällen darauf, dass im Hinterkopf des Konsumenten der naive Gedanke entsteht „Vielleicht erhielt ich mit dem bisher gekauften noch nicht genau die Ergebnisse, die ich wollte, aber mit –diesem- neuen Buch oder Kurs wird es ganz sicher klappen, da ich einfach noch nicht das richtige Material erwischt habe, was es mit möglichst gemacht hätte! Ganz sicher!“.

Ein Teufelskreis, der nicht selten liebstens ausgenutzt wird – aber auch ein Teufelskreis, aus dem man sich tatsächlich befreien kann, womit wir nun zum Bereich der Dekonstruktion kommen.

Dekonstruktion

Die Dekonstruktion im Self-Help ist wie eine Frau, die sich alles Makeup abnimmt; wie ein Politiker ohne Lügen; wie ein Influencer ohne Photoshop – nicht so sexy oder anziehend wie zuvor, dafür aber knallhart ehrlich und desillusionierend.

Wie das Wort also vermuten lässt, arbeitet die Dekonstruktion primär mit allem, das wir über all die Jahre unseres Lebens angehäuft haben und bricht all das herunter und in seine Kleinsteile auf.

Konträr also dazu, uns mit immer mehr Konzepten und relativem Wissen zuzustopfen, lässt uns die Dekonstruktion genau das viel klarer verstehen, was wir ohnehin bereits haben – oder glauben zu haben.

So teilt die Dekonstruktion die Spreu vom Weizen und lässt uns letztendlich nur das Essenzielle zurück; nur das, was auch wirklich zählt. Dass dieser Prozess häufig nicht so angenehm oder sexy ist wie die reine Konstruktion, ist daher naheliegend. Vor allem anderen ist die Dekonstruktion aber erwachsen und voruasschauend. Sie erdet uns und gibt uns ein aufgräumtes Fundament, auf dem dann später wieder sauber aufgebaut werden kann.

Konstruktion und Dekonstruktion lassen sich auf diese Weise hervorragend mit Medizin vergleichen. Hat der Patient Mangelerscheinungen, gibt man ihm Ergänzungsmittel, um den Spiegel auf ein normales, gesundes Level anzuheben. Hat der Patient aber Funktionsschwierigkeiten ähnlich zu einer Verstopfung oder Blockade, da viel zu viel von etwas da ist, sorgt man dafür, dass wieder ein unbeschwerter und befreiter Fluss erzeugt wird, damit das, was der Patient ohnehin schon hat ohne äußere Zusätze wieder bestens funktionieren kann.

Ganz klar also, dass gerade in unserer informationsüberladenen Zeit, in der sich an jeder Ecke unzählige an Tipps und Ratschläge aller Art finden lassen, eine dekonstruktionsfokussierte Diät von weitaus größerem Vorteil ist, als es das Gegenteil wäre. Ein Leben im vollen Überfluss bringt Dinge nicht schneller nach vorne, es erstickt.

Hast du also auch mal wieder frische Luft nötig?

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